West- und Mitteleuropa - Wirtschaft

West- und Mitteleuropa - Wirtschaft

978-3-14-100800-5 | Seite 118 | Abb. 1 | Maßstab 1 : 6.000.000
West- und Mitteleuropa | Wirtschaft | West- und Mitteleuropa - Wirtschaft | Karte 118/1

Überblick

Das Standortgefüge von Industrie und Dienstleistungen in Mittel- und Westeuropa ist gekennzeichnet durch …

• ein Zentrum-Peripherie-Gefälle,

• eine Hauptachse, die mit Unterbrechungen von Mittelengland über London, die Beneluxstaaten, den Niederrhein, das Ruhrgebiet, den Rhein-Main- und den Rhein-Neckar-Raum bis in die Region Basel / Zürich verläuft (s. 99.2),

• einige großstädtische Agglomerationsräume (z. B. Paris, München, Hamburg),

• einige Ballungsgebiete mit traditionell starker Industrie- und / oder Dienstleistungsorientierung wie Halle–Leipzig oder Oberschlesien (s. 112.2).

Diese Standorte zeichnen sich durch eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur und eine enge Vernetzung von Unternehmen aus Industrie- und Dienstleistungssektor aus.

Wie sich die Wirtschaftsstruktur in den letzten Jahrzehnten verändert hat, ist zum Beispiel an den Produktions- und Beschäftigungsdaten der Wirtschaftssektoren abzulesen. Der Anteil der Erwerbstätigen im sekundären Sektor und dessen Beitrag zur Wirtschaftsleistung haben sich durch sektoralen Strukturwandel (Tertiärisierung), Rationalisierung und Standortverlagerungen reduziert. Typisch für West- und Mitteleuropa sind heute Anteile der Industrie zwischen 15 % und 30 % der Beschäftigten bzw. der Wirtschaftsleistung (BIP). Dies gilt auch für die ostmitteleuropäischen Staaten, wo die Zahl der Industriebeschäftigten seit Beginn des politisch-ökonomischen Transformationsprozesses zum Teil erheblich geschrumpft ist, aber die Anteile der Industrie noch etwas über denen in Westeuropa liegen (> 30 %). In allen Ländern sind der Anteil der Beschäftigten im tertiären Sektor und dessen Beitrag zur Wirtschaftsleistung gestiegen. Typische Werte liegen heute zwischen 70 und 83 Prozent, in Ostmitteleuropa noch etwas weniger (um 60 %).

Die Wertschöpfungs-, Umsatz- und Beschäftigtenanteile verschieben sich auch innerhalb der einzelnen Branchen der Industrie.

Agrarwirtschaftliche Differenzierung

Noch immer gilt, dass gute Böden, ein optimales Klima und andere naturräumliche Faktoren günstige Voraussetzungen schaffen. Dies wird zum Beispiel deutlich, wenn man die räumliche Übereinstimmung von Regionen mit guter Bodenqualität und Anbauregionen von Weizen bzw. Zuckerrüben betrachtet (Nordfrankreich, Bördelandschaften). Der Anbau von Wein, Obst und Gemüse beruht vielerorts auf einer klimatisch günstigen Naturraumausstattung.

Daneben haben andere Strukturmerkmale sowie die Regelungen des EU-Agrarmarkts großen Einfluss erlangt. In Belgien und den Niederlanden ist der Gemüseanbau, in Deutschland und Dänemark die Schweinezucht ein Beispiel für den Bedeutungsverlust naturräumlicher Faktoren in der Landwirtschaft und den wachsenden Stellenwert von kapitalstarken, agrarindustriellen Betrieben, die weitgehend unabhängig von den naturräumlichen Bedingungen wirtschaften.

An die Landwirtschaft knüpft eine bedeutende verarbeitende Lebensmittelindustrie an. Die relativ geringen Beiträge des primären Sektors zur gesamten Wirtschaftsleistung dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Länder wie Frankreich, die Niederlande, Belgien, Deutschland und Dänemark zu den größten Agrarexporteuren weltweit zählen und bei vielen Produkten eine marktbeherrschende Stellung haben.

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Altindustrieräume

Ausgangspunkt und Grundlage der Industrialisierung in West- und Mitteleuropa war die Montanindustrie. Ihre ökonomische und regionalpolitische Bedeutung hatin den meisten Altindustrieräumen gravierend abgenommen. Der Strukturwandel vollzog sich mit harten Einschnitten (Großbritannien, s.125.4) oder abgepuffert durch Subventionen und Regionalförderung (Deutschland, s. 40/41).

Die Eisen- und Stahlindustrie zeigt heute zwei räumliche Schwerpunkte. Im Binnenland sind es Standorte der alten Reviere, die durch Rationalisierung, Prozess- und Produktinnovationen sowie internationale Vernetzung eine Neuausrichtung erfolgreich bewältigt haben (z. B. im Ruhrgebiet, Wales, Salzgitter, Lothringen). Die jüngeren Standorte liegen an den Küsten. Sie profitieren dort von der Verkehrsgunst, denn importierte Rohstoffe können direkt auf dem Seeweg bezogen werden. Der Anteil Europas an der Stahlerzeugung weltweit liegt heute bei zehn Prozent, allerdings ist bei Stahl eine hohe Abhängigkeit der Nachfrage von konjunkturellen Schwankungen zu beobachten.

Zu den Pionierindustrien der Altindustrieräume zählt auch die Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie führte zur Entstehung spezifischer Textilregionen (z. B. in Mittelengland, s. 125.4). Die Textilindustrie ist dort heute oft ganz verschwunden. Mit eher handwerklichen Strukturen und in Kleinbetrieben kann sie in einzelnen Großstädten und Regionen (z. B. Paris, Norditalien) durch hochwertige Kreationen sowie das Ausnutzen von Marktnischen und Produktinnovationen aber bis heute eine erfolgreiche Marktposition behaupten.

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Dienstleistungen

Innerhalb Europas hat sich ein differenziertes Netz spezialisierter Dienstleistungsstandorte herausgebildet. Dabei zeigen sich Unterschiede in der Branchenstruktur zwischen den großen Agglomerationen einerseits und den peripheren Räumen andererseits. London, Frankfurt/Main, Brüssel und Rotterdam sind Beispiele für bedeutende Dienstleistungsstandorte in den Agglomerationen. Während in Brüssel Medien und Verwaltung dominieren, sind Frankfurt/Main und London Verkehrs- und Finanzstandorte (s. 126/127). Rotterdam als Hafenstandort ist auf Logistik spezialisiert (s. 123.3).

In einigen der peripheren Regionen dominiert der Tourismus als Leitbranche, z. B. an der französischen Atlantikküste und in den Alpen (s. 116/117, 129.3).

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Rohstoffe und Bergbau

Die wichtigsten Rohstoffe in West- und Mitteleuropa sind Erdöl und Erdgas aus der Nordsee (s. 120.1). Neben dem Einsatz als Energieträger werden sie als ein wichtiger Rohstoff für die Chemische Industrie genutzt. Ein Pipelinenetz verbindet die Fördergebiete mit den Standorten der Raffinerien und der Chemischen Industrie, die bevorzugt an Küstenstandorten bzw. verkehrsgünstig im Binnenland liegen.

Von den in der Karte verzeichneten Standorten des Steinkohlenbergbaus sind im internationalen Vergleich nur noch wenige konkurrenzfähig, auch wenn sie ehemals die Grundlage für die Entstehung ganzer Industriereviere bildeten und zum Teil heute noch Kohle gefördert wird. Vielerorts stehen diese Standortefür ein Rückzugsstadium, Steinkohle als Exportgut spielt nur noch für Polen eine gewisse Rolle (s. 112.2). Die Braunkohleförderung in Deutschland, Polen und Tschechien dient überwiegend der Verstromung vor Ort (Standorte von Wärmekraftwerken).

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Wachstumsindustrien

Trotz der Standortunterschiede, die auch die forschungs- und entwicklungsintensiven Wachstumsindustrien kennzeichnen, gilt doch die Bevorzugung von zentral gelegenen Regionen mit Agglomerationsvorteilen (zum Beispiel Bildungs- und Forschungslandschaft, Innovationspotenzial, breit gefächertes Dienstleistungsangebot, qualifizierte Arbeitskräfte, optimale Verkehrsanbindung). Cluster miteinander verflochtener hochspezialisierter Teilbranchen sind ein verbreitetes Organisationsmodell geworden (vgl. 125.3), das auch in der Wirtschaftsförderung eine Rolle spielt. Im Zuge der globalen Orientierung der meisten Großunternehmen werden die Aufgaben zwischen den einzelnen Standorte aufgeteilt (z. B. Verwaltung, Forschung, Entwicklung und Marketing einerseits, Produktion – oft an Standorten in anderen Ländern oder außerhalb der EU – andererseits).

Luft- und Raumfahrttechnik , Elektronik, Photonik und Biotechnologie als „Hightech“-Branchen besitzen ihre wichtigsten Standorte in Verdichtungsräumen wie München und in diversifizierten Industriegebieten mit hochqualifizierter Unternehmer- und Facharbeiterschaft und mit langer Tradition (z. B. Baden-Württemberg). Standorte multinationaler Konzerne prägen ganze Regionen (z. B. Eindhoven, Wolfsburg). Eine Besonderheit stellt der Flugzeugbau dar. Die Standorte des Airbuskonzerns wurden auf die teilnehmenden Staaten verteilt. Standorte wie St-Nazaire oder Bantes in Frankreich zeigen, dass bei der Standortwahl auch raumordnerische Argumente eine Rolle spielten (s. 101.7).

Trotz hocheffizienter Fertigungstechnologien besitzt der Kraftfahrzeugbau eine beachtliche direkte und eine noch weit bedeutendere indirekte Beschäftigungswirkung für manche Staaten.

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