Rhonegletscher - Gletscherrückzug - 1874

Alpen - Tourismus und Umwelt

978-3-14-100800-5 | Seite 116 | Abb. 2 | Maßstab 1 : 50.000
Rhonegletscher | Gletscherrückzug | Alpen - Tourismus und Umwelt | Karte 116/2

Überblick

Der gegenwärtig knapp 16 Quadratkilometer große und rund 8 Kilometer lange Rhonegletscher liegt im Kanton Wallis im Süden der Schweiz nahe der italienischen Grenze. Am Gletscher entspringt der Fluss Rhone (lokaler Name: Rotten). Die nächstgelegene Siedlung ist Gletsch im Bereich des alpinen Hochtals Gletschboden (1760 m ü. NN); sie ist Teil der insgesamt rund 650 Einwohner zählenden Gemeinde Obergoms. Gletsch besteht im Wesentlichen aus dem traditionsreichen Hotel du Rhône, dessen Nebengebäuden und einem Bahnhof. Die Tradition als Ziel im Sommertourismus geht auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Heute ist das Gebiet nur dünn besiedelt (Gemeinde Obergoms: 4 E./km2).

Klimaschwankungen und globale Erwärmung

Der Vergleich der Karten von 1874 und 2014 zeigt das dramatische Ausmaß des Gletscherrückzugs. Er steht in engem Zusammenhang mit der seit etwa 1850 nachweisbaren Erwärmung der Erdatmosphäre. Die Temperaturen stiegen seitdem global um etwa 1 °C, im Alpenraum sogar um 2 °C an. Gletscher gelten als „Fieberthermometer der Erde“. Sie reagieren sehr sensibel auf thermische Veränderungen und können daher als Indikatoren des globalen Klimawandels angesehen werden.

Im Anschluss an das Pleistozän begann vor 11 700 Jahren das Holozän mit einer Erwärmung der Klimas. Immer wieder kam es zu markanten Schwankungen. Auf das mittelalterliche Klimaoptimum folgte die sogenannte Kleine Eiszeit, die zwischen 1550 und 1850 ihren Höhepunkt erreichte und in der Nordatlantikregion am deutlichsten ausgeprägt war. Die Erdmitteltemperaturen lagen zu dieser Zeit um 1,0 bis 1,5 °C unter denen der Vergleichsperiode 1961–1990. Dies führte zu Vorstößen der meisten Alpengletscher, ihre größte Ausdehnung erreichten sie um 1850. Die dabei gebildeten Seiten- und Endmoränenwälle sind bis heute im Gelände gut sichtbare „morphologische Ortsmarkierungen“ der damaligen Gletscherstände. Auch Schliffgrenzen und Gletscherschrammen an den steilen Seitenhängen verdeutlichen die einstige Eismächtigkeit.

Der Rhonegletscher erreichte 1856 fast den Ort Gletsch und bildete dort markante Endmoränenwälle. Ab diesem Zeitpunkt machte sich jedoch eine Klimaerwärmung bemerkbar. Die Karte 1874 zeigt bereits einen gewissen Rückzug des Rhone-Gletschers gegenüber dem Maximalstand von 1856. Zum Ende des 20. Jahrhunderts verstärkte sich der Klimawandel. Die Gründe für die zu beobachtende globale Erwärmung sind in der Tätigkeit des Menschen zu suchen. Als wichtigste Ursachen gelten der Ausstoß von Treibhausgasen durch die Industrie, die Landwirtschaft und die Verbrennung fossiler Energieträger. Wesentlichen Einfluss auf Energieverbrauch, Nahrungsmittelbedarf und anthropogene Emissionen hat der Anstieg der Weltbevölkerung. Nach aktuellen Prognosen wird es in 100 Jahren keine Alpengletscher mehr geben.

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Der Rückgang des Gletschers

Sein Rückgang im 19. und 20. Jahrhundert ist so gut wie bei keinem anderen Alpengletscher untersucht und dokumentiert.

Früher grenzte er unmittelbar an die Straße, heute liegt er rund 200 Meter von ihr entfernt. Der Rückgang der Gletschers zwischen 1874 und heute beträgt rund zwei Kilometer. Die Eismächtigkeit im Zehrgebiet ging im gleichen Zeitraum um bis zu 80 Meter zurück.

Im September 2006 befand sich die Mitte der Gletscherzunge genau auf einer Höhe von 2240 Metern an der Kante eines mächtigen Felsriegels. Das Gelände fällt dort steil um 420 Meter bis zum Gletschboden im Süden ab (1820 m ü. NN). Seitdem hat sich das Eis weiter nach Norden in Richtung Nährgebiet zurückgezogen und vom Felsriegel entfernt. Dadurch ist ein saumförmiger Gletschersee entstanden.

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Der Rhonegletscher

Der Rhonegletscher ist fast vollständig nach Süden exponiert und ist von mehr als 3000 Meter hohen Bergen umgeben; der höchste ist der Dammastock mit 3633 Metern (außerhalb der Karte). Die sommerliche Ablation (Abschmelzen) ist hoch. Der winterliche Massenzuwachs ist daher entsprechend wichtig für die Massenbilanz und den Erhalt des Gletschers.

Durch die orographische Abschirmung entsteht im gesamten Oberwallis ein Lee-Effekt für die niederschlagsbringenden Luftmassen aus Westen und Nordwesten, der die Region zur Trockeninsel der Schweiz macht.

Seit etwa 1995 kann der sommerliche Eismassenverlust nicht mehr ausgeglichen werden, die Massenbilanz ist seitdem negativ. Das Abschmelzen des Gletschereises und die Ausweitung der sonnenexponierten Felsflächen führen zu einer weiteren „Austrocknung“ im Oberwallis und zu gravierenden hydrogeographischen Veränderungen.

Der Rhonegletscher wird Jahr für Jahr von zahlreichen Touristen besucht. Direkt am Gletscher liegt das nur während der Sommersaison geöffnete Hotel Belvédère (s. Karte, errichtet ab 1883). Seit 1870 wird jedes Frühjahr ein künstlicher, etwa 100 Meter langer Tunnel mit Eiskammer in den Gletscher gesägt. Er ist als „Eisgrotte“ von Anfang Juni bis Mitte Oktober für Touristen begehbar. Durch die Eisbewegungen und das Abschmelzen der Gletscherzunge ist der Tunnel am Ende der Saison rund 30 Meter kürzer als zu Saisonbeginn.

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Die Rhone

An der Südseite des Gletschers entspringt als subglazialer Schmelzwasserbach die Rhone, Frankreichs zweitlängster und wasserreichster Strom. Fruchtbare Agrarlandschaften entlang der Ufer, Wasser- und Kernkraftwerke sowie ab Lyon flussabwärts bis zum Mittelmeer auch Binnenhäfen machen sie zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor (s. 118/119).

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